Ein spektakulärer Goldfund in China sorgt für Schlagzeilen. Doch was bedeutet die Entdeckung für Anleger*innen? Torsten Krieger, Vorstandsvorsitzender der Reisebank AG, ordnet im Gespräch ein, warum kurzfristig keine Marktveränderungen zu erwarten sind – und warum Gold dennoch ein verlässlicher Portfoliobaustein bleibt.
Herr Krieger, China hat eine der größten Goldlagerstätten der vergangenen Jahrzehnte entdeckt. Müssen sich Goldanleger*innen jetzt Sorgen um sinkende Preise machen?
Nein, kurzfristig gibt es keinen Grund zur Sorge. Auch wenn der Fund geologisch beeindruckend ist, verändert er das reale Angebot an Gold in den kommenden Jahren nicht. Zwischen der Entdeckung einer Lagerstätte und der tatsächlichen Förderung liegen in der Regel fünf bis zehn Jahre, manchmal sogar mehr. Die operative Marktwirkung liegt daher realistisch weit in der Zukunft.
Was muss alles passieren, bevor das erste Gold aus dieser Lagerstätte auf den Markt kommt?
Der Weg ist lang und komplex. Zunächst müssen geologische Studien die genaue Größe und Qualität der Lagerstätte bestätigen. Dann folgen aufwendige Genehmigungsverfahren und Umweltprüfungen. Anschließend muss die notwendige Infrastruktur aufgebaut werden – von Minen über Transportwege bis hin zu Aufbereitungsanlagen. Das alles kostet Zeit und erhebliche Investitionen. Für Anlegerinnen und Anleger bedeutet das: Kurzfristige Preisbewegungen sind aufgrund dieses chinesischen Fundes nicht zu erwarten.
Selbst wenn die Förderung beginnt – wie stark würde das den globalen Goldmarkt überhaupt beeinflussen?
Um die Dimension richtig einzuordnen: Jährlich werden weltweit rund 3.500 Tonnen Gold gefördert. Selbst eine große neue Lagerstätte kann dieses Angebot nur moderat beeinflussen – zumal die Fördermengen über Jahrzehnte verteilt werden und sich nicht abrupt auf den Markt ergießen. Historisch betrachtet haben auch andere spektakuläre Goldfunde die Marktdynamik kaum verändert. Die Goldförderung ist ein langfristiges Geschäft mit stabilen Strukturen. Einzelne Entdeckungen mögen Schlagzeilen machen, aber die Grundlagen des Goldmarktes bleiben davon weitgehend unberührt.
Stichwort Rohstoffsouveränität: Welche Rolle spielt Gold in Chinas strategischer Ausrichtung?
Eine sehr wichtige Rolle. China verfolgt seit Jahren konsequent eine Politik der Rohstoffsouveränität und baut seine Goldreserven systematisch aus. Gold ist dabei weit mehr als nur ein Edelmetall – es ist ein zentraler Baustein in Chinas Währungs- und Reservenstrategie. Peking setzt Gold bewusst als Gegengewicht zum US-Dollar ein und diversifiziert damit seine gewaltigen Devisenreserven. Mit der neuen Lagerstätte kann China seine Position weiter festigen und wird noch unabhängiger von internationalen Märkten. Man darf nicht vergessen: China ist weltweit der größte Goldproduzent und zugleich größter Goldkonsument. Diese Doppelrolle unterstreicht die langfristige Bedeutung, die das Land physischen Sachwerten beimisst – gerade auch im Kontext wachsender geopolitischer Spannungen. Der Fund stärkt Chinas Autonomie in diesem strategisch wichtigen Sektor erheblich.
Was ändert sich denn konkret für private und institutionelle Anleger*innen?
Für Anlegerinnen und Anleger ändert sich durch den chinesischen Goldfund wenig bis nichts. Die fundamentalen Gründe, die für Gold als Anlage sprechen, bleiben vollständig bestehen. Das Edelmetall dient seit Jahrhunderten als Wertspeicher, als langfristige Absicherung gegen Inflation und als Diversifikationsinstrument in unsicheren Zeiten. Aktuell wird der Goldmarkt von mehreren Faktoren getrieben: Zentralbanken kaufen in großem Stil Gold, um ihre Reserven zu diversifizieren. Geopolitische Unsicherheiten – von Handelskonflikten bis zu regionalen Krisen und Kriegen – erhöhen außerdem die Nachfrage nach sicheren Häfen.
Warum sollten Anleger*innen überhaupt auf Gold setzen – gerade in der heutigen Zeit?
Die Attraktivität von Gold liegt in seiner Beständigkeit. Anders als Aktien oder Anleihen ist Gold nicht von der Bonität eines Unternehmens oder Staates abhängig. Es kann nicht beliebig vermehrt werden wie Papiergeld, und seine physische Existenz macht es zu einem greifbaren Wert – im wahrsten Sinne des Wortes. In Zeiten niedriger oder negativer Realzinsen, in denen klassische Sparformen an Kaufkraft verlieren, gewinnt Gold an Bedeutung. Auch die Unsicherheit über die langfristige Entwicklung der globalen Schuldenberge und die Geldpolitik der Zentralbanken sprechen für eine solide Beimischung von Edelmetallen im Portfolio. Finanzexpertinnen und -experten empfehlen in der Regel, zwischen 5 und 16 Prozent des Vermögens in physischem Gold zu halten – als Stabilitätsanker, nicht als Spekulationsobjekt.