Gold erlebt eine historische Phase: Rekordpreise, starke Zentralbankkäufe und eine geopolitisch fragile Weltordnung rücken das Edelmetall erneut ins Zentrum der Kapitalmärkte. Wir sprechen mit Markus Wirth, Produktmanager Edelmetalle der Reisebank, über die wichtigsten Goldmarkt-Trends, die Rolle von Zentralbanken, realistische Preisprognosen und darüber, wie sich Anlegerinnen und Anleger in einem von Unsicherheit geprägten Umfeld strategisch positionieren können.
Wie würden Sie 2025 und den Start in 2026 für den Goldmarkt in zwei Sätzen zusammenfassen?
Seit Anfang 2025 findet die spektakulärste Rallye in der Geschichte des Goldmarkts statt – Gold ist um mehr als 70 % gestiegen und erreichte historische Preisbereiche von mehr als 4.700 USD (Stand 20.1.2026) pro Feinunze.
Was viele Analysten für extrem hielten, ist Realität geworden: Gold ist im Mainstream-Bewusstsein als Anlage wieder deutlich präsenter – und zwar nicht nur als „sicherer Hafen“, sondern auch als Kernbestandteil von Portfolios.
Welche Haupttreiber sehen Sie aktuell für den Goldpreis im Jahr 2026?
Auch 2026 haben diverse Faktoren einen Einfluss auf die Bildung des Goldpreises. Zum einen spielt das Verhalten von Zentralbanken in Hinblick auf Goldreserven und Zinspolitik eine Rolle. Polen hat beispielsweise Goldreserven von zusätzlich ca. 80 Tonnen aufgebaut und belegt damit den ersten Platz beim Nettozufluss, gefolgt von Kasachstan mit rund 40 Tonnen und Brasilien mit ca. 30 Tonnen. Die erwarteten Zinssenkungen in den USA dürften zudem die Opportunitätskosten von Gold reduzieren.
Die geopolitische Lage ist ebenfalls weiterhin Treiber für die strukturelle Nachfrage nach Gold. Die jüngsten Spannungen in Venezuela und Iran können neben den bestehenden militärischen Konfliktherden, z.B. in der Ukraine, im Sudan und im Nahen Osten, als zusätzlichen Katalysator für die wahrgenommene Unsicherheit in der Geopolitik wirken. Unsicherheit stärkt für gewöhnlich die Nachfrage nach Gold.
Darüber hinaus beobachten wir seit 2025 starke Zuflüsse in ETFs & ETCs, welche den Goldpreis nachbilden. Wir gehen davon aus, dass dieser Trend auch in diesem Jahr bestehen bleibt.
Der traditionelle Nachfragetreiber Goldschmuck ist wegen des starken Goldpreises insbesondere in China, Indien und im Nahen Osten, wo Schmuck ein beliebtes Hochzeitsgeschenk ist, weniger relevant geworden.
Für Anlegerinnen und Anleger bedeutet das: Gold ist kein „Trend des Monats“ – es ist tief in makroökonomischen Verschiebungen verankert. Nur echte fundamentale Veränderungen (z. B. ein starkes Zinsumfeld) könnten diese Basis kurzfristig erschüttern.
Was sagen die Analysten – wie hoch könnte der Goldpreis 2026 gehen?
Für 2026 bleiben viele große Häuser weiterhin optimistisch: J.P. Morgan erwartet einen Anstieg in Richtung 5.000 USD bis Mitte 2026. Auch die Weltbank rechnet mit weiter hohen Niveaus, getragen von Safe-Haven-Nachfrage und knapper Angebotslage. Das Research Team unseres Mutterkonzerns DZ BANK bleibt für 2026 ebenfalls positiv, sie prognostiziert kurzfristig einen Goldpreis von 4.600 USD und langfristig, auf Sicht von zwölf Monaten, rechnet sie mit erstmals 5.000 USD je Feinunze.
Nach dem Incrementum-Goldmodell bleibt das Kursziel von 4.800 USD bis 2030 bestehen; im inflationären Szenario seien sogar bis zu 8.900 USD denkbar.
Die Breite der Prognosen sagt etwas sehr Wichtiges: Unsicherheit bleibt extrem hoch. Die Märkte preisen sowohl strukturell bullische Faktoren als auch mögliche Rücksetzer ein, etwa wenn reale Zinsraten wieder steigen oder der US-Dollar sich überraschend stabilisiert.
Sollte man 2026 in Gold investieren – und wenn ja, wie?
Gold kann eine sinnvolle Beimischung als Absicherung und Diversifikationsinstrument sein – physisch in Form von Barren und Münzen oder indirekt über ETFs –, aber immer im Kontext eines ausgewogenen Portfolios. Physisches Gold bietet Direktbesitz ohne Kontrahentenrisiko, d.h. im Falle einer Insolvenz bin ich als Investor nicht davon betroffen. ETFs/ETC haben hohe Liquidität, aber je nach Produkt unterschiedliche Kosten. Ebenfalls empfiehlt sich eine akribische Lektüre des Prospektes, um herauszufinden, was im Falle einer Insolvenz des Anbieters mit meinem Vermögen passiert.
Timing ist grundsätzlich schwierig, weil niemand weiß, ob man sich momentan auf dem Berg oder im Tal des Goldpreises befindet. Strategische, langfristige Planung ist häufig sinnvoller als kurzfristige Spekulation.
Viele Anlegerinnen und Anleger neigen dazu, Gold zu „verpassen“ und dann einzusteigen, wenn die Preise bereits hoch sind. Ein strukturierter, regelmäßiger Ansatz (Cost-Average-Effect) kann helfen, dieses Timing-Risiko zu verringern. Hier empfehlen wir den frequentierten Kauf – physisch gerne auch von kleineren Gewichtsgrößen.
Gibt es Risiken, die 2026 wirklich nachhaltig den Goldpreis drücken könnten?
Ja – dazu gehören deutlich höhere Zinsen als erwartet, eine Stärkung des US-Dollars, die Stabilisierung der geopolitischen Lage oder ein globaler Risikoappetit, der Anlegerinnen und Anleger von sicheren Häfen wegzieht. Ein Beispiel-Szenario: Steigende reale Renditen, z. B. höhere Zinsen, könnten den opportunitätskostenfreien Charakter von Gold relativieren – also Gold im Vergleich zu verzinslichen Assets weniger attraktiv machen.
Diese Risiken könnten theoretisch eintreten, aber sie konkurrieren gegen die stark strukturellen Treiber, die Gold langfristig stützen. Ein klarer Trendbruch würde daher eher größere makroökonomische Änderungen signalisieren.
Insgesamt bleibt Gold 2026 spannend und relevant als diversifizierender Baustein im Portfolio.


Markus Wirth
Produktmanager Edelmetalle bei der Reisebank AG